Eine Legende des deutschen Motorsports / Teil - 2

 

Jürgen Gregor Hehlert

1972 - Die Flucht aus dem DDR-System und das weitere Leben in der BRD

 

Titelseite eines Veranstaltungsprospekts, Neubrandenburg 07.10.1963
Titelseite eines Veranstaltungsprospekts, Neubrandenburg 07.10.1963

Auf Grund seiner sportlichen Leistungen durfte Jürgen Hehlert an „großen“ Speedway-

Wettkämpfen Ende der 60er-, Anfang der 70er Jahre außerhalb des sozialistischen Auslandes teilnehmen. Zur damaligen Zeit ein Privileg von nur wenigen Auserwählten im gesamten DDR-Sport!

Jürgen Hehlerts Gedanken verdichteten sich im Laufe der Zeit zu zwiespältigen Überlegungen: Etwas mehr aus seinem Leben zu machen, etwas mehr wirtschaftlich zu erreichen und die Welt besser kennen zu lernen. Gespräche mit der Ehefrau Christa wurden fast täglich zu diesem Thema geführt. Sein Entschluß stand fest, die DDR zu verlassen! Weitere Gedanken gingen durch den Kopf auf welche Art und Weise die Flucht von statten gehen sollte.

 

1971, Ungarn im August. Es entstanden die ersten Pläne gemeinsam mit dem späteren Fluchthelfer. Der spätere Fluchtanhänger wurde in der BRD präpariert. In diesem versteckten sich später Jürgen selbst, seine Frau und seine sieben ein halb Jahre alte Tochter.

Nur einen Monat später trafen sich die beiden Planer zu detaillierten Absprachen bei einer Speedway-Tournee in Bulgarien wieder. Seinem älteren Bruder Peter übergab er vor der Flucht zwei Rucksäcke. In dem für ihn bestimmten Rucksack befanden sich Dinge, die Peter in der Werkstatt gebrauchen konnte, Werkzeug, Ersatzteile und Zubehör. Im zweiten Rucksack befanden sich Utensilien die Jürgen persönlich betrafen. So z.B. persönliche Zeugnisse, Dokumente, diverse allg. Unterlagen, Urkunden und Pokale seiner Erfolge.

 

Die abenteuerliche und gefährliche Fluchtreise von Jürgen Hehlert und seiner Familie  begann am 25. April 1972 am frühen Morgen. In einem 312er Wartburg von Rostock über Berlin, Dresden und Zinnwald-Georgenfeld erreichten sie die Tschechoslowakei (ČSSR). Ab dem 15. Januar 1972 und das war neu, bestand die Möglichkeit des visafreien Reiseverkehr. Als ganz normale Touristen überquerte die Familie Hehlert die deutsch/tschechische Grenze und fuhr weiter nach Prag. Hier traf man sich mit dem Fluchthelfer um gemeinsam die waghalsige Unternehmung über Böhmisch Budweis in Richtung Staatsgrenze nach Linz / Österreich fortzusetzen. Der Fluchthelfer fuhr mit seinem PKW samt Hänger voraus. Im großzügigen Abstand folgte ihm Familie Hehlert. Das musste sein um keinen Anlass einer Zusammengehörigkeit zu geben.

Ein kleiner Ort als vereinbarter Umsteigepunkt, ca. 10 km vor dem Grenzübergang nach Österreich, war erreicht. Die Familie Hehlert passierte diesen Ort, stellte ihren PKW ab, entfernte die Autoschlüssel und begab sich auf den der Straße gegenüber liegenden Parkplatz. Dieser lag in einem Waldstück. Hier verschwanden überflüssige Koffer und Taschen. Nun begann die Familie das Ein- und Aussteigen in den Fluchtanhänger zu probieren um die bestmögliche Standposition zu erreichen. Jürgen Hehlert versuchte als erster in den Hänger einzusteigen. Aber in diesem engen Raum war es sehr stickig, viel zu warm und somit musste die Aktion mit weniger Bekleidung am Leib wiederholt werden. Genau in diesem Moment - plötzlich und unerwartet, unterbrach ein tschechischer Grenzposten der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, diese Situation als er sein defektes Motorrad auf der Hauptstraße am angrenzenden Parkplatz vorbei in Richtung Grenze schob. Allen stockte der Atem. Das Herz klopfte immer schneller bei dem Gedanken, dass dem Grenzsoldaten vielleicht etwas aufgefallen sein könnte? Er das Treiben auf dem Parkplatz vielleicht als Fluchtvorbereitung bewertet hatte und nun auf dem Weg war um Alarm auszulösen? Diese Fragen aber konnte keiner der Anwesenden in diesem Moment beantworten. Als der Grenzsoldat vorbei am Parkplatz und außer Sichtweite war wurden die Trockenübungen sofort eingestellt. Alles Weitere ging nun sehr schnell von statten. Denn die Flüchtigen mußten auf jeden Fall eher am Grenzübergang sein als der tschechische Grenzposten mit seinem defekten Motorrad.

Die zwei ein halb Personen der Familie waren in Rekordzeit im Anhänger verschwunden in dem unter normalen Umständen nur eine Speedwaymaschine transportiert bzw. Platz hatte. Beim Fluchthänger jedoch wurde die Frontwand Deichselseitig durch eine gerundete Wand ersetzt um etwas mehr Raum für diese Unternehmung zu gewinnen. Die Rundung, und um damit nicht auffällig zu werden, hatte folgende Maße: Höhe 120 cm, 90 cm breit und nur 20 cm tief. Dahinein paßten geradeso die schräg gestellten Füße der Flüchtigen. In diesem Anhänger mit der zusätzlich eingebauten runden Frontwand nebst einer tschechischen Speedwaymaschine vom Typ Java 500 cm³ und dem in Transportstellung stehenden nach rechts abgewinkelten Lenker zwängte sich und kauerte die Familie Hehlert. Alles wurde dunkel als er verschlossen wurde.

Anekdote - zur kleinen Tochter Rommi:

Die kleine Tochter Rommi hatte unbemerkt eine Taschenlampe in die enge Fluchtunterkunft geschmuggelt und fragte gleich darauf ihren Vater: „Darf ich meine Taschenlampe einschalten?“

Vater Jürgen antwortete ruhig: „ Wenn du magst, mache ruhig die Taschenlampe an.“

Tochter Rommi überlegte einen kurzen Augenblick und antwortete: „Lieber nicht! Das verbraucht zu viel Batterie!“ Diese kindlich pfiffige Reaktion des kleinen Mädchens konnte sogar unter diesen ungewöhnlichen Umständen, ihren Eltern in der Dunkelheit ein Lächeln abgewinnen.

In der Nacht zum 26. April 1972 übertrat Familie Hehlert, eingepfercht in diesem Fluchthänger, die Grenze zur Republik Österreich. Nach ca. einer halben Stunde gesamter Fahrtzeit hielten die Beteiligten auf einem weiteren Parkplatz noch vor den Toren von Linz. Der Vollmond schien hell wie eine Laterne und leuchtete den glücklichen Reisenden. Die Strapazen waren fast vorüber. Trotz Müdigkeit und Erschöpfung fielen sich alle, nach dem Aussteigen, in die Arme. Sie tanzten vor Freude als Ausdruck, in „Sicherheit“ zu sein und um nun ein neues Leben beginnen zu dürfen. Die Familie Hehlert hatte das erste mal gemeinsam den Boden des sogenannten „Kapitalistischen Auslands“ (Sprachgebrauch in der damaligen DDR) betreten. Nach dieser kurzen Pause ging die Fahrt für alle weiter nach Linz, der Landeshauptstadt von Oberösterreich - nun aber im PKW des Fluchthelfers.

 

Anekdote - der erste Eindruck im österreichischen Linz:

Mitten in der Nacht vom 25. zum 26. April 1972. Familie Hehlert kam im Zentrum der Stadt Linz an. Sie stiegen aus und fragten einen anwesenden Polizisten nach einer preiswerten Hotel-Unterkunft. Dieser Polizist antwortete in österreichischem Dialekt: „Warum kommen sie erst jetzt nach Linz? Zu so später Stunde?“

Wichtig: Die allgemeine Reaktion der Staatsführung der DDR auf sogenannte „ungesetzliche Grenzübertritte“ aus dem Sportbereich.

Bereits vor dem Mauerbau, am 13. August 1961, verließen zahlreiche Sportler, Sportfunktionäre, Sportmediziner und sogar ganze Mannschaften die damalige DDR. Danach jedoch blieben Fluchten in der Regel Einzelaktionen. Anfang der 1970er Jahre wurden durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR die sogenannten „Diplomaten im Trainingsanzug“ durch ein umfangreiches Überwachungssystem bespitzelt um einer etwaigen Flucht zuvor zu kommen. Der „Sicherungsbereich“ Sport umfasste insgesamt mindestens 100.000 Spitzensportler, deren Freunde und Familienangehörige, zu deren Überwachung das MfS rund 3.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) einsetzte. (Quelle: Wikipedia / Sportlerflucht aus der DDR, gekürzt)

Im Herbst 1971 machten Gerüchte in den Motorsportclubs der Republik die Runde, dass Fahrer aus der DDR in Zukunft an keinen Speedway Weltmeisterschaften mehr teilnehmen sollen. 1972 kam für den Bahnsport der DDR das große „AUS“! Gestrichen wurden alle Teilnahmen an Weltmeisterschaften und großen internationalen Rennen im kapitalistischen Ausland.

Titelseite eines Veranstaltungsprospekts, Rodenbach/Hanau 26.05.1974
Titelseite eines Veranstaltungsprospekts, Rodenbach/Hanau 26.05.1974

Das weitere Leben von Jürgen Hehlert in der BRD:

Erwähnt werden muß, daß nach der Flucht von Jürgen Hehlert sein Bruder durch Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR kurzfristig „Besuch“ erhielt. Sie konnten nachweisen, daß der ältere Bruder Peter „geringen Anteil“ an der Flucht hatte. Unter Druck der Stasi gab Bruder Peter nach und opferte den zweiten Rucksack mit den persönlichen Dokumenten und Erinnerungen seines Bruders Jürgen, um „Schadensbegrenzung“ zu erreichen. Er wurde nun abgestempelt als „Mitwissender“ und daraufhin in der Zukunft drangsaliert. Er stand unter ständiger Beobachtung. Das löste in der Folge aus, daß auch Bruder Peter Hehlert mit Familie die DDR, ebenfalls auf illegale Weise, Jahre später verließ. Somit hatte die DDR zwei Speedway-Asse verloren.

 

1972 befand sich die Familie Hehlert in einem Flüchtlingsauffanglager in Hanau. Danach erfolgte der Umzug 1973 in eine 3-Zimmer-Wohnung innerhalb Hanaus. Privat wurde die Familie Hehlert von der Bundesrepublik Deutschland sehr gut aufgenommen. Sportlich kam jedoch das „Böse Erwachen“. Jürgen Hehlert wurde nach seinem Übertritt 1972 von der DDR in die BRD für ein Jahr gesperrt, da ein sportlicher Wechsel von Deutschland-Ost nach Deutschland-West stattgefunden hatte!

1973 erhielt Jürgen Hehlert die Lizenz als Speedway-Fahrer im Club MC Rodenbach, einem Ort in der Nähe von Hanau. Er durchlebte Höhen und Tiefen in Rennen und Events in ganz Europa für seinen Club und die Bundesrepublik Deutschland.

Bild: Jürgen Hehlert, Urlaubsreise 2007
Bild: Jürgen Hehlert, Urlaubsreise 2007

1980 beendete Jürgen Hehlert seine aktive Laufbahn als Speedway-Sportler.

 

1980 eröffnete er eine Auto-Selbstreparaturwerkstatt in Hanau, die bis 1988 betrieben wurde.

 

1982 bis 1984 absolvierte Jürgen Hehlert eine Kfz-Meisterschule. Wärend dieser Zeit war er auch zusätzlich im Schichtdienst als Hallenwart der größten Turnhalle in Hanau tätig.

 

1988 konnte eine weitere, neue, Kfz-Werkstatt gebaut und bis 1990 betrieben werden.

 

1990, eine Squash Anlage entsteht, die von seiner Frau Christa als Inhaber betrieben wird und bis heute (2013) besteht. Die Anlage wurde nur wenig später nach der Entstehung, durch ein Fußballfeld ergänzt. Die Pflege, Reparatur- und Wartungsarbeiten übernahm, ebenfalls bis heute ausgeführt, Jürgen Hehlert selbst.

1997 erfolgte der Bau eines Eigenheims. Dieses sorgt für eine weitere rege Beschäftigung eines „Alten Speedway-Hasen“ zum Lebensausklang und der damit verbundenen neuen „sportlichen Herausforderung“ im Rasen mähen und Unkraut zupfen.

 

 

 

Ihr Roland Pöschel aus Trollenhagen